Nur kleine, blonde Kinder

Betrachtet man das Krippenfoto meines Sohnes, dann fällt auf: Die ganze Gruppe besteht nur aus kleinen, blonden Kindern. Und genau das ist mein Problem. Denn ich kann die Lütten einfach nicht auseinander halten. Gut, bei den Mädchen klappt es noch, aber das sind auch nur drei. Bei den Jungs ist die Sache schon schwieriger. Denn da gibt es je zwei Jungs, die sich in meinen Augen nicht nur ähneln, sondern auch noch ähnliche Namen haben.

Viele Wochen lang habe ich mich bemüht, in Anwesenheit der Eltern die Kinder nicht beim Namen zu nennen. Zu peinlich wäre mir da eine Verwechslung gewesen. Nach einem knappen halben Jahr habe ich die Namen nun endlich drauf – dachte ich zumindest. Bis ich letztens an der KitaTür fröhlich einen Jungen mit „Ove“ begrüßte, mich kurz wunderte, weshalb er nicht reagierte und es mir dann schlagartig klar wurde, als Ove mir im Gruppenraum entgegenwuselte.

Hoffentlich habe ich das mit den Namen bis zum Winter drauf. Nicht, dass ich die falschen Kinder zum Geburtstag meines Sohnes einlade…

Nicht normal

Kürzlich traf ich eine Mutter, mit der ich damals im Geburtsvorbereitungskurs war. Ihr Kind ist, wie mein Sohn, also zwei Jahre alt. Aber, so stöhnte sie, es benehme sich gar nicht wie ein Zweijähriges. Vielmehr sei es so weit wie ein fünf Jahre altes Kind. „Warum kann ich nicht ein normales Kind haben“, klagte sie mir.

Mir kommt es in letzter Zeit so vor, als wenn niemand mehr ein „normales“ Kind hat. Hier ist das eigene Kind ja sprachlich mindestens ein Jahr weiter, da würde auch ein Entwicklungsstillstand ja nichts ausmachen, weil das Kind dann noch immer altersgerecht entwickelt wäre und dort gerät sogar der Kinderarzt jedes Mal regelrecht in Verzückung, weil das Enkelkind ja schon so wahnsinnig gut entwickelt sei. Ich muss gestehen, dass ich es langsam nicht mehr hören kann. Gibt es denn überhaupt keine normalen Kinder mehr?

Ja, mir ist sehr wohl bewusst, dass ich darauf empfindlich reagiere, weil mein Sohn eben nicht so ein hochentwickeltes Kind ist, eher im Gegenteil. Und natürlich weiß ich, dass diese Mütter, Tanten und Omas in erster Linie stolz auf ihre Kinder sind. Schließlich sieht jeder in seinem eigenen Nachwuchs etwas besonderes und will natürlich auch, dass alle anderen das auch erkennen.

Aber was soll dieser Wettbewerb? Denn natürlich gibt keine Mutter damit an, dass ihr Kind so viel mehr lacht oder eine viel wildere Wuschelmähne hat als andere Kinder. Nein, schon als Kleinkind muss es etwas ganz besonderes leisten. Toller, intelligenter sein als alle anderen.

Es wäre schön, mal wieder eine Mutter zu treffen, der das alles egal ist. Deren Kind so ist wie alle und nicht schon ein künftiges Genie erkennen lässt. Was heutzutage auch schon wieder eine Besonderheit wäre.

Alles nur eine Phase

Jede Mutter kennt ihn. Den Satz, der sie in schwierigen Zeiten beruhigen soll. Sie daran erinnern, dass es bald wieder besser wird. Jede Mutter kennt den Satz: „Es ist alles nur eine Phase.“ Doch dieser Satz trifft nicht nur auf meinen Sohn zu. Sondern auch auf mich.

Immer wieder gibt es eine Zeit, in der ich meinen Sohn sehe und traurig und frustriert bin. Sehe ihn im Vergleich zu den anderen Krippenkindern, die zum Teil nur ein paar Tage älter sind als er. Und doch so viel weiter. Die munter drauf los plappern und ganze Geschichten erzählen, wo er über ein paar Worte noch nicht hinaus ist. In diesen Zeiten verfluche ich seine Krankheit und male mir in den düstersten Farben seine Zukunft aus. Habe Angst davor, dass er später Schwierigkeiten bekommt.

Doch es gibt auch die anderen Zeiten. Die, in denen ich nur beeindruckt davon bin, was für ein Sonnenschein er ist. Wie fröhlich und aufgeweckt er ist. Wie eifrig er Neues ausprobiert. Und erstaunt darüber bin, was er alles schon begreift und umsetzt. Zeiten, in denen ich mir klar mache, dass er zwar nicht spricht. Dass das aber nicht bedeutet, dass er mich auch nicht versteht. Ich sehe, was für ein strahlendes und zufriedenes Kind er ist. Und denke mir dann: „Hauptsache, er glücklich. Und egal, was für Hindernisse noch kommen, ich unterstütze ihn. Vielleicht wird alles gar nicht so schlimm.“

Zum Glück überwiegen die guten Zeiten. Und vielleicht muss ich mir in den dunklen Zeiten nur immer wieder selbst sagen, dass es nur eine Phase ist. Man bekommt es als Mutter schließlich oft genug zu hören.

Musik mit Aussage

Bisher dachte ich immer, dass Schlager sich durch besonders eigenwillige Texte auszeichnen. Ich meine, wenn eine Frau davon singt, dass sie mit ihrem angebeteten abends auf einem Regenbogen bis zu den Sternen fliegen will, dann ist das ja wohl eigenwillig und eindeutig.

Seit zu Weihnachten aber ein Digitalradio bei uns Einzug gehalten hat weiß ich, dass es noch sehr viel seltsamer geht. Wir hören nämlich jetzt nachmittags oft „Radio Teddy“- der Name verrät schon, dass es sich um einen Sender mit Kinderliedern handelt. Dort laufen die Klassiker aus  meiner Kindheit ebenso wie moderne Lieder. In denen es nicht um Vogelhochzeiten  oder drei musizierende Chinesen geht. Sondern um die perfekte Zusammensetzung von Obstsalat und die Vorteile einer rohen Paprika gegenüber einer halben Tafel Schokolade. Oder darum, dass jemand liebend gerne Rolltreppe fährt, das auch täglich macht und anschließend jedes Mal eine Packung Klopapier kauft. Ein Hit dieses Senders scheint ein Lied zu sein, mit dem die  Kinder  zu mehr Bewegung animiert werden sollen. Etwa, indem sie sich lang wie eine Giraffe machen oder wie ein Flamingo auf einem Bein stehen. Mein persönliches Highlight aber ist ein esoterisches Lied über die Erdgöttin im Kuschelland. Da fragte ich mich kurz, ob ich versehentlich einen Kiffer-Sender eingeschaltet hatte.

Leider (oder zum Glück?) habe ich bei meinem Sohn noch keine Reaktionen auf unsere Musikauswahl festgestellt. Weder bewegt er sich wie ein Tier noch stürzt er sich auf Rohkost. Obwohl – seit ein paar Tagen hat er ein auffallendes Interesse an unserer Klorolle…

Von rasierten Beinen und der Kontrolle im Kreißsaal

Vor ein paar Tagen las ich einen Text von Patricia Cammarata alias „Das Nuf“, in dem sie sich über ein paar Tipps in einem Kundenmagazin aufregte („Wenn der Damm reißt, ist jede Frau froh, wenn die Füße wenigstens pedikürt sind“) . Hochschwangeren Frauen wurde dort geraten, vor der Geburt noch einmal zur Mani- und zur Pediküre zu gehen und beim Packen der Kliniktasche auf keinen Fall die Schminkpinsel zu vergessen. Im Prinzip stimme ich ihr zu: Das Aussehen der Mutter ist bei einer Geburt das unwichtigste Detail überhaupt. Ich habe allerdings auch ein ganz großes ABER.

Denn ja, auch ich habe mir vor der Geburt noch einmal die Beine rasiert. Jedoch nicht, damit meine Gazellenschenkel auf den ersten Bildern nach der Entbindung möglichst gut zur Geltung kommen. Vielmehr hatte es ein wenig damit zu tun, die Kontrolle zu behalten.

Eine Geburt ist eine laute, schwitzige, blutende und wahnsinnig schmerzhafte Angelegenheit. Und manchmal schietert man auch auf den Tisch, wie das Nuf ganz treffend bemerkte. Nichts davon kann eine Frau beeinflussen. Das ist unangenehm und manchmal macht es auch Angst. Besonders, wenn man noch nie ein Kind geboren hat und keine Ahnung davon hat, was auf einen zukommt.

Zurück zu den rasierten Beinen. Denn wenigstens den Zustand meiner Beine hatte ich unter Kontrolle. Und ganz nebenbei fühlte ich mich mit rasierten Beinen auch viel wohler und konnte ein wenig entspannter an die unbekannte Situation der Geburt herangehen. Auch wenn mir natürlich klar war, dass es meinen Hebammen herzlich egal war, wie meine Beine aussahen.

Zeitreise

Vor wenigen Wochen kamen der Gatte, der Sohn und ich durch ein süßes, heimeliges, idyllisches Dorf in der Nähe. In diesem süßen, heimeligen, idyllischen Dorf gab es einen großen Spielplatz. Aber nicht irgendeinen Spielplatz. Sondern einen, der mich auf eine Zeitreise schickte.

Der Spielplatz war sauber, gepflegt und alt. So richtig alt. So alt, dass auch ich schon als Kind auf baugleichen Spielplätzen gespielt habe. Das Klettergerüst war kein schickes Holzschiff, sondern bestand aus bunten Metallstangen. Die Seilwinde war kein kleiner Metalleimer, sondern ein Stück alter Autoreifen. Es gab eine Drehscheibe, einige Kletterstangen und eine Schaukel, auf der auf einem Brett mehrere Menschen in einer Reihe schaukeln können.

Der Gatte, der Sohn und ich schaukelten ein wenig, der Sohn tapste durch die Sandkiste, der Gatte pflückte ein paar Äpfel vom dort stehenden Apfelbaum und ich war einfach nur glücklich.

Glücklich und froh, meinem Sohn so einen Ort meiner Kindheit zeigen zu können. (Auch wenn er sich mit seinen noch nicht einmal zwei Jahren vermutlich nicht daran wird erinnern können.) Froh, dass es so einen Ort wie in meiner Kindheit noch immer als selbstverständlichen Teil eines Dorfes gibt.

Denn es hat sich so viel verändert in den Jahren seit meiner Kindheit. Erzähle ich meinem Sohn später einmal, dass ich auf einem Kassettenrecorder meine Drei-Fragezeichen-Folgen gehört, auf einer alten Schreibmaschine meine erste „Zeitung“ getippt und natürlich noch mit einem Wählscheibentelefon telefoniert habe, dann muss das in seinen Ohren wie ein Märchen aus längst vergangenen Zeiten klingen. Vor allem, weil ich ihm kaum etwas davon noch zeigen kann.

Wenigstens diesen alten Spielplatz aber kann ich ihm zeigen. Und damit auch, dass es in Mamas Kindheit zwar komische Sachen gab. Aber diese komischen Sachen trotzdem wunderschön sind.

Die rosa Strumpfhose

​Mindestens einmal pro Woche wird mein Sohn für ein Mädchen gehalten. Es ist egal, wie viele Autos und Trecker auf seinem blauen Pulli sind, kaum reichen die leicht gelockten Haare über die Ohren, muss es ja eindeutig ein Mädchen sein.

Kürzlich war es am Erdbeerstand mal wieder soweit. Ob die Kleine eine Erdbeere dürfe, fragte sie ältere Dame hinterm Tresen. Auf meine Information, dass es sich um einen Jungen handele, entschuldigte sie sich. Heutzutage könne man das Geschlecht ja nicht mehr so leicht an der Kleidung erkennen. Stimmt teilweise, auch mein Sohn trug schon rosa Strumpfhosen (ich hatte in seiner Größe eben keine für Jungs mehr bekommen).

Das sei ja auch völlig in Ordnung, so die Erdbeerfrau. Erst wenn er mit 16 Jahren auch noch rosa Strumpfhosen tragen wolle, dann müsste ich mir Sorgen machen, was bei der Erziehung falsch gelaufen sei.

Ich kann ihr genau sagen, was dann falsch lief: gar nichts! Wenn mein Sohn mit 16 Jahren rosa Strumpfhosen tragen will, dann werde ich garantiert ziemlich blöd aus der Wäsche schauen und ihm bestimmt den einen oder anderen doofen Spruch mitgeben. Trägt er sie dann trotzdem, dann bin ich aber ziemlich stolz auf ihn und sein Selbstbewusstsein. Ärgern werde ich ihn natürlich trotzdem.