Musik mit Aussage

Bisher dachte ich immer, dass Schlager sich durch besonders eigenwillige Texte auszeichnen. Ich meine, wenn eine Frau davon singt, dass sie mit ihrem angebeteten abends auf einem Regenbogen bis zu den Sternen fliegen will, dann ist das ja wohl eigenwillig und eindeutig.

Seit zu Weihnachten aber ein Digitalradio bei uns Einzug gehalten hat weiß ich, dass es noch sehr viel seltsamer geht. Wir hören nämlich jetzt nachmittags oft „Radio Teddy“- der Name verrät schon, dass es sich um einen Sender mit Kinderliedern handelt. Dort laufen die Klassiker aus  meiner Kindheit ebenso wie moderne Lieder. In denen es nicht um Vogelhochzeiten  oder drei musizierende Chinesen geht. Sondern um die perfekte Zusammensetzung von Obstsalat und die Vorteile einer rohen Paprika gegenüber einer halben Tafel Schokolade. Oder darum, dass jemand liebend gerne Rolltreppe fährt, das auch täglich macht und anschließend jedes Mal eine Packung Klopapier kauft. Ein Hit dieses Senders scheint ein Lied zu sein, mit dem die  Kinder  zu mehr Bewegung animiert werden sollen. Etwa, indem sie sich lang wie eine Giraffe machen oder wie ein Flamingo auf einem Bein stehen. Mein persönliches Highlight aber ist ein esoterisches Lied über die Erdgöttin im Kuschelland. Da fragte ich mich kurz, ob ich versehentlich einen Kiffer-Sender eingeschaltet hatte.

Leider (oder zum Glück?) habe ich bei meinem Sohn noch keine Reaktionen auf unsere Musikauswahl festgestellt. Weder bewegt er sich wie ein Tier noch stürzt er sich auf Rohkost. Obwohl – seit ein paar Tagen hat er ein auffallendes Interesse an unserer Klorolle…

Von rasierten Beinen und der Kontrolle im Kreißsaal

Vor ein paar Tagen las ich einen Text von Patricia Cammarata alias „Das Nuf“, in dem sie sich über ein paar Tipps in einem Kundenmagazin aufregte („Wenn der Damm reißt, ist jede Frau froh, wenn die Füße wenigstens pedikürt sind“) . Hochschwangeren Frauen wurde dort geraten, vor der Geburt noch einmal zur Mani- und zur Pediküre zu gehen und beim Packen der Kliniktasche auf keinen Fall die Schminkpinsel zu vergessen. Im Prinzip stimme ich ihr zu: Das Aussehen der Mutter ist bei einer Geburt das unwichtigste Detail überhaupt. Ich habe allerdings auch ein ganz großes ABER.

Denn ja, auch ich habe mir vor der Geburt noch einmal die Beine rasiert. Jedoch nicht, damit meine Gazellenschenkel auf den ersten Bildern nach der Entbindung möglichst gut zur Geltung kommen. Vielmehr hatte es ein wenig damit zu tun, die Kontrolle zu behalten.

Eine Geburt ist eine laute, schwitzige, blutende und wahnsinnig schmerzhafte Angelegenheit. Und manchmal schietert man auch auf den Tisch, wie das Nuf ganz treffend bemerkte. Nichts davon kann eine Frau beeinflussen. Das ist unangenehm und manchmal macht es auch Angst. Besonders, wenn man noch nie ein Kind geboren hat und keine Ahnung davon hat, was auf einen zukommt.

Zurück zu den rasierten Beinen. Denn wenigstens den Zustand meiner Beine hatte ich unter Kontrolle. Und ganz nebenbei fühlte ich mich mit rasierten Beinen auch viel wohler und konnte ein wenig entspannter an die unbekannte Situation der Geburt herangehen. Auch wenn mir natürlich klar war, dass es meinen Hebammen herzlich egal war, wie meine Beine aussahen.

Zeitreise

Vor wenigen Wochen kamen der Gatte, der Sohn und ich durch ein süßes, heimeliges, idyllisches Dorf in der Nähe. In diesem süßen, heimeligen, idyllischen Dorf gab es einen großen Spielplatz. Aber nicht irgendeinen Spielplatz. Sondern einen, der mich auf eine Zeitreise schickte.

Der Spielplatz war sauber, gepflegt und alt. So richtig alt. So alt, dass auch ich schon als Kind auf baugleichen Spielplätzen gespielt habe. Das Klettergerüst war kein schickes Holzschiff, sondern bestand aus bunten Metallstangen. Die Seilwinde war kein kleiner Metalleimer, sondern ein Stück alter Autoreifen. Es gab eine Drehscheibe, einige Kletterstangen und eine Schaukel, auf der auf einem Brett mehrere Menschen in einer Reihe schaukeln können.

Der Gatte, der Sohn und ich schaukelten ein wenig, der Sohn tapste durch die Sandkiste, der Gatte pflückte ein paar Äpfel vom dort stehenden Apfelbaum und ich war einfach nur glücklich.

Glücklich und froh, meinem Sohn so einen Ort meiner Kindheit zeigen zu können. (Auch wenn er sich mit seinen noch nicht einmal zwei Jahren vermutlich nicht daran wird erinnern können.) Froh, dass es so einen Ort wie in meiner Kindheit noch immer als selbstverständlichen Teil eines Dorfes gibt.

Denn es hat sich so viel verändert in den Jahren seit meiner Kindheit. Erzähle ich meinem Sohn später einmal, dass ich auf einem Kassettenrecorder meine Drei-Fragezeichen-Folgen gehört, auf einer alten Schreibmaschine meine erste „Zeitung“ getippt und natürlich noch mit einem Wählscheibentelefon telefoniert habe, dann muss das in seinen Ohren wie ein Märchen aus längst vergangenen Zeiten klingen. Vor allem, weil ich ihm kaum etwas davon noch zeigen kann.

Wenigstens diesen alten Spielplatz aber kann ich ihm zeigen. Und damit auch, dass es in Mamas Kindheit zwar komische Sachen gab. Aber diese komischen Sachen trotzdem wunderschön sind.

Die rosa Strumpfhose

​Mindestens einmal pro Woche wird mein Sohn für ein Mädchen gehalten. Es ist egal, wie viele Autos und Trecker auf seinem blauen Pulli sind, kaum reichen die leicht gelockten Haare über die Ohren, muss es ja eindeutig ein Mädchen sein.

Kürzlich war es am Erdbeerstand mal wieder soweit. Ob die Kleine eine Erdbeere dürfe, fragte sie ältere Dame hinterm Tresen. Auf meine Information, dass es sich um einen Jungen handele, entschuldigte sie sich. Heutzutage könne man das Geschlecht ja nicht mehr so leicht an der Kleidung erkennen. Stimmt teilweise, auch mein Sohn trug schon rosa Strumpfhosen (ich hatte in seiner Größe eben keine für Jungs mehr bekommen).

Das sei ja auch völlig in Ordnung, so die Erdbeerfrau. Erst wenn er mit 16 Jahren auch noch rosa Strumpfhosen tragen wolle, dann müsste ich mir Sorgen machen, was bei der Erziehung falsch gelaufen sei.

Ich kann ihr genau sagen, was dann falsch lief: gar nichts! Wenn mein Sohn mit 16 Jahren rosa Strumpfhosen tragen will, dann werde ich garantiert ziemlich blöd aus der Wäsche schauen und ihm bestimmt den einen oder anderen doofen Spruch mitgeben. Trägt er sie dann trotzdem, dann bin ich aber ziemlich stolz auf ihn und sein Selbstbewusstsein. Ärgern werde ich ihn natürlich trotzdem.

Deja vu

Vergangene Woche habe ich eine Freundin besucht, die erst vor wenigen Wochen Mutter geworden ist. Der Vorteil an Neugeborenen ist ja – abgesehen davon, dass sie so unfassbar niedlich sind – dass man sie ohne Probleme aufs Sofa legen kann, kurz auf Klo gehen kann und nix passiert. Eventuell brüllen sie kurz. Und selbst wenn sie nicht brüllen, so braucht man sich keine Sorgen machen, dass sie grade irgendwelchen Blödsinn anstellen.

Aber zurück zum Thema. Ich war also bei meiner Freundin, deren Wohnung zwar schon nach Kind aussieht, aber eben nach neugeborenem Kind. Unsere Wohnung mit einem bald 19 Monate alten Sohn sieht komplett anders aus. Man könnte auch sagen: kahl. Wo bei meiner Freundin Getränkeflaschen auf dem Boden und ein Teepott auf dem Sofatisch standen, wo vor dem Fernseher hübsche Dekosachen in einer Holzschale drapiert waren und zwei Glasvasen neben dem Sideboard zu sehen sind, da ist bei uns inzwischen gähnende Leere.

Auf dem Couchtisch liegen nur noch ein paar Kekskrümel, seine ursprüngliche Aufgabe als Ablage übernimmt er nur noch spät Abends. Das Fach unter dem Tisch beherbergt keine Zeitschriften mehr (ebenso wie der Zeitschriftenständer, den mein Mann extra für mich anfertigen ließ), sondern fungiert höchstens noch als Garage für den sprechenden Kipplaster. Da, wo früher unser DVD-Recorder stand, lagern jetzt Bilderbücher.

Ein Blick in unser Wohnzimmer genügt und das geschulte Auge erkennt sofort, wie groß unser Sohn inzwischen ist beziehungsweise wie weit er mit seinen Affenarmen langen kann. Und an was er ran kommt, das muss unbedingt runtergeworfen und untersucht werden.

Also bestand ein großer Teil meines Besuches bei meiner Freundin darin, aufzuspringen und im letzten Moment etwas vor dem Sohn in Sicherheit zu bringen. Auf einmal hatte ich ein Bild vor Augen. Ich erinnerte mich an die Zeit vor etwa einem Jahr. Damals, als die Fernbedienungen auf unserem Couchtisch noch ordentlich nebeneinander auf einer Unterlage lagen. Als mein Laptop den ganzen Tag über auf dem Tischchen neben dem Sofa stand. Damals flitzte meine beste Freundin ihrem Anderthalbjährigen hinterher und räumte meinen Kram eine Etage höher.

Später am Abend schrieb ich ihr von diesem Deja vu. Ihre trockene Antwort: „Freu dich schon einmal darauf, wenn der junge Mann sich einen Hocker als Hilfsmittel schnappt.“ Ich kann es kaum erwarten.

Die Krankheit

Mein Sohn ist krank. Nein, falsch. Er hat eine Krankheit. Eine seltene Erbkrankheit, die in seinem Fall zwar nicht gefährlich oder lebensbedrohlich ist. Und unser Leben trotzdem stark beeinflusst.

Die Krankheit heißt Neurofibromatose Typ 1 (NF1, auch Morbus Recklinghausen genannt). Sie tritt etwa so häufig wie das Down-Syndrom auf, rund eines von 3000 Neugeborenen ist betroffen. Die Gefahr einer Vererbung beträgt 50:50, egal ob Vater oder Mutter die Krankheit haben. Vereinfacht gesagt können sich bei dieser Krankheit überall im Körper an den Nervenenden gutartige Tumore bilden. Oft geschieht dies direkt unter der Haut. Diese Fibrome sind meistens nur optische Makel. Problematisch wird es, wenn sich diese Tumore im Körper an ungünstigen Stellen bilden. Weit verbreitet sind beispielsweise Tumore am Sehnerv. Teilweise müssen diese mit einer Chemotherapie behandelt werden. Auch Wirbelsäulenverkrümmungen kommen vor. Doch das ist nicht alles. Viele betroffene Kinder sind kleiner als ihre Altersgenossen, entwickeln sich langsamer, haben Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten (etwa 40 bis 50 Prozent der erkrankten Kinder leiden darunter).

Mein Sohn scheint Glück zu haben und nur einen schwachen Krankheitsverlauf zu haben. Bisher. Denn niemand kann sagen, welche gesundheitlichen Probleme er noch bekommen wird. Einige gesundheitliche Aspekte treten erst in der Pubertät auf, generell aber kann es sein ganzes Leben zu Problemen kommen. Nur weil er jetzt relativ wenig unter seiner Krankheit zu leiden hat, bedeutet das nicht, dass das immer so bleiben wird. Diese Ungewissheit ist für uns als Eltern nur schwer zu ertragen.

Derzeit geht es ihm gut. Allerdings ist er bereits jetzt seiner Entwicklung hinterher. Er läuft noch nicht, spricht noch nicht, ist mit knapp 18 Monaten gerade in Größe 74 hineingewachsen. Ich sehe ihn, sehe, was für ein fröhlicher, aufgeweckter und neugieriger Junge er ist. Manchmal bekomme ich dann einen dicken Kloß im Hals. Ich weiß, wie sehr mein Mann unter dieser Krankheit gelitten hat. Und habe Angst davor, dass auch mein Sohn später leiden wird. Dass wir ihm nicht helfen können. Aber wir unterstützen ihn so gut wie wir können. Vor allem aber werde ich dafür sorgen, dass er sich nicht für seine Krankheit schämt. Er soll wissen, dass er ein toller und liebenswerter Junge ist, auch wenn er für manche Dinge vielleicht länger braucht als andere Kinder.

Deshalb gehen wir auch offen mit seiner Krankheit um. Wir binden sie zwar nicht jedem, der einen Kommentar zur Größe meines Kindes abgibt, auf die Nase. Aber wir verschweigen sie auch nicht. Damit die Leute uns besser verstehen. Und später vielleicht auch meinen Sohn.

Verdächtige Stille

Mein Sohn kommt langsam in das Alter, in dem es verdächtig ist, wenn es da, wo er grade ist still ist. Besonders gefährlich ist es im Garten. Und ich rede jetzt nicht von potentiell giftigen Pflanzen. Sondern von all dem, was sonst so das Interesse eines 17 Monate alten Kindes erregen könnte.

Wenn ich Glück habe, dann sitzt er lediglich in seiner Sandkiste und knabbert an seiner Schaufel. Es kann aber auch passieren, dass er kurz bis zum Ellenbogen im Wasserpott versinkt und ihn sich anschließend über die Beine kippt.

Vor ein paar Tagen saßen wir gemeinsam auf der Terrasse. Ich blätterte in einer Zeitung, mein Sohn puschelte auf dem Rasen rum. Als ich kurz aufsah, bemerkte ich die Weinbergschnecke in seiner Hand, die er voller Hingabe untersuchte. Genauer gesagt bohrte er mit dem Zeigefinger in ihr rum. Das fand die Schnecke gar nicht lustig. Mein Sohn wiederum fand es nicht lustig, als ich die Schnecke in Sicherheit brachte.

Immerhin hat er nicht hineingebissen. Das hat mein Neffe einmal mit einer Nacktschnecke gemacht. Die schäumen übrigens. Nur zu eurer Information, braucht ihr jetzt nicht mehr ausprobieren.