Die rosa Strumpfhose

​Mindestens einmal pro Woche wird mein Sohn für ein Mädchen gehalten. Es ist egal, wie viele Autos und Trecker auf seinem blauen Pulli sind, kaum reichen die leicht gelockten Haare über die Ohren, muss es ja eindeutig ein Mädchen sein.

Kürzlich war es am Erdbeerstand mal wieder soweit. Ob die Kleine eine Erdbeere dürfe, fragte sie ältere Dame hinterm Tresen. Auf meine Information, dass es sich um einen Jungen handele, entschuldigte sie sich. Heutzutage könne man das Geschlecht ja nicht mehr so leicht an der Kleidung erkennen. Stimmt teilweise, auch mein Sohn trug schon rosa Strumpfhosen (ich hatte in seiner Größe eben keine für Jungs mehr bekommen).

Das sei ja auch völlig in Ordnung, so die Erdbeerfrau. Erst wenn er mit 16 Jahren auch noch rosa Strumpfhosen tragen wolle, dann müsste ich mir Sorgen machen, was bei der Erziehung falsch gelaufen sei.

Ich kann ihr genau sagen, was dann falsch lief: gar nichts! Wenn mein Sohn mit 16 Jahren rosa Strumpfhosen tragen will, dann werde ich garantiert ziemlich blöd aus der Wäsche schauen und ihm bestimmt den einen oder anderen doofen Spruch mitgeben. Trägt er sie dann trotzdem, dann bin ich aber ziemlich stolz auf ihn und sein Selbstbewusstsein. Ärgern werde ich ihn natürlich trotzdem.

Deja vu

Vergangene Woche habe ich eine Freundin besucht, die erst vor wenigen Wochen Mutter geworden ist. Der Vorteil an Neugeborenen ist ja – abgesehen davon, dass sie so unfassbar niedlich sind – dass man sie ohne Probleme aufs Sofa legen kann, kurz auf Klo gehen kann und nix passiert. Eventuell brüllen sie kurz. Und selbst wenn sie nicht brüllen, so braucht man sich keine Sorgen machen, dass sie grade irgendwelchen Blödsinn anstellen.

Aber zurück zum Thema. Ich war also bei meiner Freundin, deren Wohnung zwar schon nach Kind aussieht, aber eben nach neugeborenem Kind. Unsere Wohnung mit einem bald 19 Monate alten Sohn sieht komplett anders aus. Man könnte auch sagen: kahl. Wo bei meiner Freundin Getränkeflaschen auf dem Boden und ein Teepott auf dem Sofatisch standen, wo vor dem Fernseher hübsche Dekosachen in einer Holzschale drapiert waren und zwei Glasvasen neben dem Sideboard zu sehen sind, da ist bei uns inzwischen gähnende Leere.

Auf dem Couchtisch liegen nur noch ein paar Kekskrümel, seine ursprüngliche Aufgabe als Ablage übernimmt er nur noch spät Abends. Das Fach unter dem Tisch beherbergt keine Zeitschriften mehr (ebenso wie der Zeitschriftenständer, den mein Mann extra für mich anfertigen ließ), sondern fungiert höchstens noch als Garage für den sprechenden Kipplaster. Da, wo früher unser DVD-Recorder stand, lagern jetzt Bilderbücher.

Ein Blick in unser Wohnzimmer genügt und das geschulte Auge erkennt sofort, wie groß unser Sohn inzwischen ist beziehungsweise wie weit er mit seinen Affenarmen langen kann. Und an was er ran kommt, das muss unbedingt runtergeworfen und untersucht werden.

Also bestand ein großer Teil meines Besuches bei meiner Freundin darin, aufzuspringen und im letzten Moment etwas vor dem Sohn in Sicherheit zu bringen. Auf einmal hatte ich ein Bild vor Augen. Ich erinnerte mich an die Zeit vor etwa einem Jahr. Damals, als die Fernbedienungen auf unserem Couchtisch noch ordentlich nebeneinander auf einer Unterlage lagen. Als mein Laptop den ganzen Tag über auf dem Tischchen neben dem Sofa stand. Damals flitzte meine beste Freundin ihrem Anderthalbjährigen hinterher und räumte meinen Kram eine Etage höher.

Später am Abend schrieb ich ihr von diesem Deja vu. Ihre trockene Antwort: „Freu dich schon einmal darauf, wenn der junge Mann sich einen Hocker als Hilfsmittel schnappt.“ Ich kann es kaum erwarten.

Die Krankheit

Mein Sohn ist krank. Nein, falsch. Er hat eine Krankheit. Eine seltene Erbkrankheit, die in seinem Fall zwar nicht gefährlich oder lebensbedrohlich ist. Und unser Leben trotzdem stark beeinflusst.

Die Krankheit heißt Neurofibromatose Typ 1 (NF1, auch Morbus Recklinghausen genannt). Sie tritt etwa so häufig wie das Down-Syndrom auf, rund eines von 3000 Neugeborenen ist betroffen. Die Gefahr einer Vererbung beträgt 50:50, egal ob Vater oder Mutter die Krankheit haben. Vereinfacht gesagt können sich bei dieser Krankheit überall im Körper an den Nervenenden gutartige Tumore bilden. Oft geschieht dies direkt unter der Haut. Diese Fibrome sind meistens nur optische Makel. Problematisch wird es, wenn sich diese Tumore im Körper an ungünstigen Stellen bilden. Weit verbreitet sind beispielsweise Tumore am Sehnerv. Teilweise müssen diese mit einer Chemotherapie behandelt werden. Auch Wirbelsäulenverkrümmungen kommen vor. Doch das ist nicht alles. Viele betroffene Kinder sind kleiner als ihre Altersgenossen, entwickeln sich langsamer, haben Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten (etwa 40 bis 50 Prozent der erkrankten Kinder leiden darunter).

Mein Sohn scheint Glück zu haben und nur einen schwachen Krankheitsverlauf zu haben. Bisher. Denn niemand kann sagen, welche gesundheitlichen Probleme er noch bekommen wird. Einige gesundheitliche Aspekte treten erst in der Pubertät auf, generell aber kann es sein ganzes Leben zu Problemen kommen. Nur weil er jetzt relativ wenig unter seiner Krankheit zu leiden hat, bedeutet das nicht, dass das immer so bleiben wird. Diese Ungewissheit ist für uns als Eltern nur schwer zu ertragen.

Derzeit geht es ihm gut. Allerdings ist er bereits jetzt seiner Entwicklung hinterher. Er läuft noch nicht, spricht noch nicht, ist mit knapp 18 Monaten gerade in Größe 74 hineingewachsen. Ich sehe ihn, sehe, was für ein fröhlicher, aufgeweckter und neugieriger Junge er ist. Manchmal bekomme ich dann einen dicken Kloß im Hals. Ich weiß, wie sehr mein Mann unter dieser Krankheit gelitten hat. Und habe Angst davor, dass auch mein Sohn später leiden wird. Dass wir ihm nicht helfen können. Aber wir unterstützen ihn so gut wie wir können. Vor allem aber werde ich dafür sorgen, dass er sich nicht für seine Krankheit schämt. Er soll wissen, dass er ein toller und liebenswerter Junge ist, auch wenn er für manche Dinge vielleicht länger braucht als andere Kinder.

Deshalb gehen wir auch offen mit seiner Krankheit um. Wir binden sie zwar nicht jedem, der einen Kommentar zur Größe meines Kindes abgibt, auf die Nase. Aber wir verschweigen sie auch nicht. Damit die Leute uns besser verstehen. Und später vielleicht auch meinen Sohn.

Verdächtige Stille

Mein Sohn kommt langsam in das Alter, in dem es verdächtig ist, wenn es da, wo er grade ist still ist. Besonders gefährlich ist es im Garten. Und ich rede jetzt nicht von potentiell giftigen Pflanzen. Sondern von all dem, was sonst so das Interesse eines 17 Monate alten Kindes erregen könnte.

Wenn ich Glück habe, dann sitzt er lediglich in seiner Sandkiste und knabbert an seiner Schaufel. Es kann aber auch passieren, dass er kurz bis zum Ellenbogen im Wasserpott versinkt und ihn sich anschließend über die Beine kippt.

Vor ein paar Tagen saßen wir gemeinsam auf der Terrasse. Ich blätterte in einer Zeitung, mein Sohn puschelte auf dem Rasen rum. Als ich kurz aufsah, bemerkte ich die Weinbergschnecke in seiner Hand, die er voller Hingabe untersuchte. Genauer gesagt bohrte er mit dem Zeigefinger in ihr rum. Das fand die Schnecke gar nicht lustig. Mein Sohn wiederum fand es nicht lustig, als ich die Schnecke in Sicherheit brachte.

Immerhin hat er nicht hineingebissen. Das hat mein Neffe einmal mit einer Nacktschnecke gemacht. Die schäumen übrigens. Nur zu eurer Information, braucht ihr jetzt nicht mehr ausprobieren.

Perspektivwechsel

Kürzlich beim Kinderturnen warf ein Vater seinen Sohn in die Luft. Der Kleine jauchzte und freute sich und hatte sichtlich Spaß. Mein Sohn bekommt schon einen panischen Gesichtsausdruck wenn ich einen Wurf nur andeute. Das erzählte ich dem Vater auch. Sein Sohn sei dafür überhaupt nicht schmusig, entgegnete er. Tja, über zu wenig Verschmustheit und Anhänglichkeit meines Lütten kann ich mich wiederum nicht beklagen. Oft unterbricht er sein Spiel, kommt kurz zu mir herübergekrabbelt, zieht sich an mir hoch, holt sich ein paar Streicheleinheiten und einen Kuss ab, tankt ein wenig Mama und krabbelt wieder los. Wir könnten ja mal tauschen, schlug der andere Vater scherzhaft vor.

Mir ging dieses kurze Gespräch nicht mehr aus dem Kopf. Offensichtlich gibt es Dinge, um die andere Eltern mich beneiden. So hatte ich das noch nie gesehen. Obwohl ich es nicht will, vergleiche ich meinen Sohn mit anderen Kindern. Meistens fällt mir dann auf, was er noch nicht kann, wo andere Gleichaltrige weiter sind als er. Dabei gibt es so viel, was er einfach großartig macht.

So wie diese Woche. Mit meiner Freundin und ihrem kleineren Sohn waren wir bei der Landesgartenschau im Nachbarort. Es wurde Zeit für den Mittagsschlaf und so schnappte ich mir meinen Sohn, setzte mich in einen Strandkorb und kuschelte ihn in den Schlaf. Anschließend legte ich ihn in den Schatten, wo er noch friedlich 45 Minuten weiterschlief. Der ganze Trubel um uns herum störte ihn überhaupt nicht. Mit dem Sohn meiner Freundin wäre das nicht gegangen, der wäre bei den ganzen Leuten nicht zur Ruhe gekommen.

Warum aber sehe ich nur die „Defizite“ meines Sohnes? Und nicht das, was er anderen Kindern voraus hat? Wahrscheinlich, weil es so normal für mich ist. Ich bin es gewohnt, dass ich mit meinem Sohn einkaufen gehen kann und er schon irgendwann in der Karre einpennt. Es ist eine Selbstverständlichkeit für mich, dass er viel Körperkontakt und Nähe braucht und sie sich auch holt.

Vielleicht sollte ich öfter mal einfach die Perspektive wechseln. Das würde meine Wahrnehmung bestimmt wieder zurechtrücken.

Mein kleiner Sohn

Mein Sohn ist jetzt knapp 16 Monate alt, wiegt etwas über acht Kilo und wächst so langsam in Größe 74 rein. Und ich weiß genau, was viele meiner Leser jetzt denken: „Ui, das ist aber klein.“ Viele Leute, die ihn sehen, denken das. Einige sagen es auch. Sie meinen es nicht böse. Trotzdem geben mir diese unbedachten Äußerungen einen Stich.

Mein Mann und ich kennen den Grund, weshalb unser Sohn kleiner als andere Kinder in seinem Alter ist. Vielleicht schreibe ich bald mal darüber. Wir binden die Ursache nur nicht jedem sofort auf die Nase. Mir ist schon klar, dass eine Bemerkung über die Größe meines Sohnes für die meisten Leute wohl nur eine Art Small-Talk ist, achtlos dahingesagt wie man wohl auch sagen würde, er sei aber groß. Doch bei mir kommt oft an „Stimmt was nicht? Hast du irgendwas falsch gemacht?“

Habe ich nicht. Und ich kann auch nichts daran ändern, dass mein Sohn „zart“ (Zitat Kinderarzt) ist. Hätte er Laufprobleme, dann könnte ich mit ihm üben. Bei Leseproblemen könnte ich mich mit ihm hinsetzen und ihn unterstützen. Aber ich kann ihn nicht in eine Streckbank spannen und in die Länge ziehen.

Ich wünsche mir, dass die Menschen meinen Sohn nicht nur auf seine Größe reduzieren. Ja, er ist kleiner als Gleichaltrige. Aber er ist doch noch so viel mehr. Er ist so ein fröhlicher kleiner Junge, dessen verschmitztes Lächeln mich einfach nur glücklich macht. Der sich hochkonzentriert mit seinen Bilderbüchern beschäftigen kann und voller Begeisterung bunte Federn anpustet. Hoffentlich können die Menschen das auch irgendwann erkennen.

So wie Mama – oder besser doch nicht?

Damit aus dem Arbeits- ein Kinderzimmer werden kann muss dort noch ordentlich ausgemistet werden. Deshalb widmete ich mich kürzlich meinem Taschen-Schrank. Dabei stieß ich auf eine Tasche, die ich mir mit etwa 16 Jahren kaufte.

Es handelt sich um eine Art grünen Bundeswehrrucksack. Ich war damals mitten in meiner Hippie-Phase (Samt-Schlaghose, struppige Haare, Männer-Deo) und hatte die Tasche mit einer Freundin bunt bemalt. Atomkraft-nein-Danke-Sonne, „Let the Sunshine in“ und „Gorleben soll leben“-Sprüche prangten dort. Und, in dickem schwarzen Edding: „Ach wie gut, dass jeder weiß, dass ich auf die Bullen scheiß‘.“ Erst musste ich schmunzeln. Dann überlegte ich, wie ich es wohl finde würde, wenn mein Sohn in ein paar Jahren mit so einer Tasche rumlaufen würde.

Ich war nie ein wildes Mädchen, in meiner Erinnerung mussten sich meine Eltern wegen mir keine großen Sorgen machen. Gut, es gab da die Episode an Ostern, als wir mit Freunden zu einem anderen Osterfeuer wollten und für meine kleine Schwester nur im Kofferraum Platz war (dafür habe ich von meinen Eltern vier Wochen Hausarrest bekommen). Und unsere Tour durch Prag, auf der wir bei einer Klassenfahrt berauschende Substanzen suchten (davon wissen meine Eltern bis heute nichts). Mein Mann seinerseits kann sich an Silvesterböller in Briefkästen erinnern.

Wie also werde ich damit umgehen, wenn mein Sohn auch so etwas macht? Oder noch ganz andere Dinge? Natürlich weiß ich, dass es völlig normal ist. In der Pubertät probiert man sich aus, testet Grenzen, grenzt sich gerade von den Eltern ab. Aber kann ich auch damit umgehen? Schaffe ich es, mich an meine eigene Jugend zu erinnern oder werde ich so eine verbiesterte alte Mutti, die nur Vorwürfe für den Nachwuchs hat?

Vielleicht sollte ich mir einfach ein Beispiel an meiner besten Freundin nehmen. Die sagte zu mir: „Ich würde mir eher Sorgen machen, wenn meine Jungs total brave Streber werden.“