Der Rechtfertigungs-Reflex

Heute Vormittag rief mich meine beste Freundin an. Sie stand mit ihren beiden Söhnen im Kaufhaus und war ziemlich wütend. Im Fahrstuhl des Kaufhauses war sie nämlich auf eine andere Mutter getroffen, auf den ersten Blick schienen die beiden jüngeren Kinder gleichaltrig zu sein. Waren sie aber nicht, das Kind der anderen Mutter ist 17 Monate alt, der Sohn meiner Freundin ist drei Monate älter. „Oh, dann ist er aber ziemlich klein für sein Alter, nicht?“, sagte die fremde Mutter zu meiner Freundin. Und während meine Freundin ob dieser unverschämten Bemerkung (Was genau wollte diese Mutter mit dem Spruch bezwecken? Außer, ihr eigenes Kind besser dastehen zu lassen. Außerdem hat sie keine Ahnung, ob es vielleicht Gründe gibt, die sie nicht kennt und die sie nichts angehen) ziemlich wütend wurde, hätte ich vermutlich anders reagiert. Leider.

Vergangenes Wochenende war ich in einer ähnlichen Situation. Auf dem Spielplatz traf ich eine fremde Mutter mit ihrer Tochter. Ihre Tochter war nur drei Wochen älter als mein Sohn. Den hätte sie aber für viel jünger gehalten, teilte sie mir anschließend mit. Aber anstatt mich zu ärgern, begann ich mich zu rechtfertigen. Das passiert mir in letzter Zeit häufiger. Mein Sohn ist seit gestern acht Monate alt und wird von mir noch voll gestillt. Werde ich danach gefragt, dann schiebe ich meistens sofort ein erklärendes „Er mag noch keinen Brei. Haben wir schon ausprobiert“ hinterher. Es ist beinahe schon ein Reflex geworden. Und auch wenn jemand sagt, mein Sohn sei aber klein, fühle ich mich bemüßigt, von seinem geringen Geburtsgewicht zu berichten. Geht das nur mir so? Oder neigen wir Mütter generell dazu, uns für all unser Tun rund um die Kinder rechtfertigen zu wollen?

Warum sollte ich mich denn überhaupt dafür entschuldigen, dass mein Sohn noch nicht wie allgemein erwartet seit zwei Monaten fröhlich Brei in sich hinein schiebt? Warum stehe ich nicht einfach dazu, dass ich gerne stille und er schon irgendwann ein Interesse an fester Nahrung entwickeln wird? Spätestens, wenn er ein Stück Schokolade haben will. Und warum schere ich mich darum, ob andere Menschen mein Kind für zu groß, zu klein, zu mopsig oder für zu gepunktet halten? Warum freue ich mich nicht einfach darüber, dass er sich unheimlich toll entwickelt und motorisch wirklich fit ist? Denn das hätte auch anders kommen können (dazu schreibe ich später mal mehr).

Einerseits bilde ich mir ein, über diesen ganzen Vergleichen und Wettbewerben unter Muttis zu stehen. Freue mich für eine Bekannte, deren ebenfalls acht Monate alte Tochter seit Monaten robbt und schon im Mai ihren ersten Zahn bekam. Mache meine Witze über „Oje, ich wachse“ und darüber, dass mein Sohn offensichtlich schon bei Schritt 1 hinterher hinkte. Andererseits kann ich mich von diesem Druck auch nicht frei machen und will immer erklären, warum ich etwas so mache, wie ich es mache. Das ärgert mich ungemein und ich hoffe, dass sich das irgendwann einmal ändert. Aber ich befürchte eher, dass es noch schlimmer werden wird.

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