Aufrechter Mensch statt besorgter Bürger

In den vergangenen Tagen schalte ich die Nachrichten immer mit einem mulmigen Gefühl im Bauch ein. Welche schrecklichen Neuigkeiten wird es wieder von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer oder auf Bahnhöfen in Mazedonien, von LKW in Österreich oder von besorgten Bürgern in Deutschland geben? Der Kloß im Hals wird sogar noch größer wenn ich meinen acht Monate alten Sohn betrachte.

Ich sehe dieses süße, fröhliche und gesunde Kind und alles was ich will ist, dass er glücklich und in Frieden aufwachsen und leben kann. Ich denke, das wollen alle Eltern für ihre Kinder. Egal ob in Deutschland, Afghanistan oder Syrien. Und wie verzweifelt müssen Eltern sein, dass sie mit Babys und Kleinkindern die beschwerliche und gefährliche Flucht nach Europa auf sich nehmen? Im Bewusstsein, dass sie vielleicht nicht überleben werden? Immer in der Hoffnung, dass ihre Kinder in Sicherheit aufwachsen können.

All diese Gedanken gehen mir durch den Kopf während ich meinen Sohn auf dem Arm halte. Und plötzlich ist mir klar, welch wichtige Aufgabe ich als Mutter habe. Ich hoffe, mein Sohn wird sich später bewusst sein, wie viel Glück er hatte, in Deutschland geboren worden zu sein. Einem Land, in dem er selbst im schlimmsten Fall nicht um sein Leben fürchten muss. In dem er auch in höchster Not Essen und ein Dach über dem Kopf haben wird.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her und auch in unserem Land lebten Menschen, die alles verloren hatten, auf engstem Raum mit wildfremden Menschen zusammen. Zwar gehörten meine Großeltern nicht zu den Vertriebenen des Zweiten Weltkrieges. Meine Familie stammt aus Hamburg. Leider konnte ich meine Großeltern nie danach fragen, wie es damals war, als Bomben fielen und sie Angst um ihr Leben haben mussten. Aber ich kann dafür sorgen, dass meinem Sohn bewusst ist, dass die sicheren und friedlichen Zeiten auch hier nicht selbstverständlich sind und der Krieg auch an seiner Familie näher dran ist als gedacht.

Meine Aufgabe als Mutter ist es, meinen Sohn zu einem aufrechten Menschen zu erziehen. Einem aufrechten Menschen, keinem besorgten Bürger. Ich bin dafür verantwortlich, dass er nicht irgendwann einmal dumpfe Parolen vor Flüchtlingsunterkünften brüllt. Sondern sich darüber Gedanken macht, was diese Menschen alles durchlitten haben. Was sie hinter sich haben und was sie alles aufgegeben haben. Es wird an mir liegen, dass mein Sohn nicht einfach nur lernt, dass es unterschiedliche Menschen gibt. Sondern dass es für ihn ganz selbstverständlich ist und er sich sich seine Spielkameraden nach Zuneigung und nicht nach Hautfarbe aussucht.

Ich werde mich und meine Erziehung daran messen lassen müssen. Ob ich meinen Sohn gut erzogen habe, wird sich an seinem Umgang mit hilfsbedürftigen Menschen zeigen. Nicht daran, ob er immer Bitte und Danke sagt.

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