Der andere Junge

Vor genau einem Jahr wies mein Gynäkologe mich in die Klinik ein. Es waren zwar noch 17 Tage bis zum Stichtag, aber er war mit den CTG-Werten nicht zufrieden und so sollte ich zur Beobachtung ein paar Tage da bleiben.

Mit in meinem Vier-Bett-Zimmer lag auch ein junges Mädchen. Sie war gerade erst 18 Jahre alt geworden und schien eigentlich noch gar kein Kind haben zu wollen. Ich glaube, sie war einfach noch nicht bereit dafür. Ihr Freund ebenfalls nicht. Als das Mädchen nach der Geburt mit ihrem kleinen Sohn wieder in unser Zimmer gebracht wurde, setzte sie sich erst einmal an den Rand ihres Bettes und aß das Mittagessen. Ihr Neugeborener lag indes auf der anderen Seite in seinem Bettchen und wimmerte. Papa und der Rest der Familie standen daneben und unterhielten sich. Auf die Idee, dieses kleine Wesen, das erst ein paar Stunden auf der Welt war, auf den Arm zu nehmen, kam niemand. Auch in den kommenden Tagen änderte sich das Verhalten der Eltern nicht. Er fange jetzt nicht an, seinen Sohn bei jedem Mucks auf den Arm nehmen, sonst gewöhne der sich noch daran und schreie dann nur noch, erklärte der Vater. Und die Mutter übergab ihr Kind die ersten drei Nächte lieber den Schwestern und behielt ihn nur auf dringenden Rat der Pflegerinnen in der letzten Nacht bei sich.

Ich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht Mutter. Ich könne nicht wissen, wie man in so einer Extremsituation so kurz nach der Entbindung reagiere, sagte ich mir. Trotzdem zerriss es mir das Herz, das Verhalten der Eltern zu sehen. Ich sah diesen kleinen Jungen, sah die anderen neugeborenen Babys in unserem Zimmer, konnte es kaum abwarten, meinen Sohn in den Arm zu nehmen und ihn nie wieder loszulassen. Und konnte das Verhalten dieses jungen Paares nicht verstehen.

Vor ein paar Tagen musste ich plötzlich wieder an den kleinen Jungen denken. Wie auch mein Sohn ist er nun fast genau ein Jahr alt. Noch immer habe ich in mir das riesengroße Bedürfnis, meinen Sohn in den Arm zu nehmen und alles für ihn zu tun. Ich will ihm Halt und Sicherheit geben. Die Sicherheit die er braucht, um ein selbstbewusster Junge zu werden. Er soll wissen und spüren, dass ich immer für ihn da bin und ihn immer unterstützen werde. Ich möchte sein Hafen sein, von dem aus er die Welt entdecken kann.

Aber wird dieser kleine Junge auch so geliebt, gehalten und unterstützt? Was ist in der Seele dieses kleinen Jungen kaputt gegangen, der so sehr auf die Zuwendung seiner Eltern angewiesen ist? Konnte er in diesem Jahr so viel Urvertrauen entwickelt, dass auch er sich später in die Welt hinaus traut? Ich hoffe so sehr, dass seine Eltern sich schnell an ihre Rolle gewöhnt haben und ihm all ihre Liebe geben können. Wie wird sein Leben aussehen, wenn seine Eltern es nicht konnten?

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